Auf das Briefing kommt es an

von Giselle Chaumien-Wetterauer

Wer ein Produkt oder eine Dienstleistung kauft, erwartet Qualität. Zu Recht. Das gilt natürlich auch für Übersetzungen. Doch gerade da ist es schwieriger festzumachen, was Qualität ist. Wie können Kunde und Dienstleister schon im Vorfeld sicherstellen, dass der übersetzte Text den Erwartungen gerecht wird?

Dass auf der Dienstleisterseite ausschließlich Profis eingesetzt werden, versteht sich von selbst. Zweiter Grundsatz: Ein Fachübersetzer übersetzt in der Regel ausschließlich in seine Muttersprache. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dritter Grundsatz: Der Übersetzerprofi verfügt über einschlägige Kenntnisse auf dem gefragten Fachgebiet. Und selbstverständlich sind Werte wie Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit, Professionalität, Verschwiegenheit u. a. ebenfalls von zentraler Bedeutung.

So weit, so gut. Dann kann ja nichts mehr schief gehen. Oder manchmal doch?

Folgender Fall: Ein Kunde erhält die fremdsprachliche Fassung seines Textes, liest ihn durch… Stirn runzeln, Nase rümpfen, Augenbrauen hochziehen – nein, das wollte er nicht. Was ist geschehen?

Die Fachbegriffe sind absolut korrekt übersetzt, es gibt keine Rechtschreibfehler, jedes Komma stimmt, der Sinn ist richtig wiedergegeben, aber… der Text soll in der nächsten Kundenzeitung erscheinen. Der Kunde wollte keine wortgetreue Übersetzung, sondern eher eine adaptierte Fassung in der Fremdsprache.

Und warum hat er das nicht VOR bzw. bei Auftragserteilung gesagt? Danach gefragt, sagt er, er habe nicht gewusst, dass das wichtig sei.

Auf das Briefing kommt es an

Erläutern Sie als Kunde dem Auftragnehmer so präzise wie möglich, was Sie erwarten und was Sie mit dem fremdsprachlichen Zieltext bezwecken. Das aktuelle Stichwort hierzu lautet: Briefing. Orientieren Sie sich dabei an folgenden Kriterien:

– Für welche Zielgruppe ist Ihr Zieltext gedacht: Mitarbeiter, Arbeitsgruppe, Kunden, Anwender des Produkts, Internetbesucher, Blog-Leser…

– Welchen Zweck soll Ihr Zieltext erfüllen: „nur zur Information“ (also Arbeitspapier), Anleitung, Anweisung, Marketingzwecke, Imagepflege, Presse…

– Ist vorgesehen, dass Ihr Zieltext gedruckt wird, zum Beispiel in einer Kundenzeitung? Oder online ins Internet gestellt wird?

– Soll Ihr Zieltext eventuell sogar gesprochen werden, weil Sie einen Videofilm z.B. für YouTube erstellen wollen?

Gerade beim letzten Punkt ist eine Vorabinformation absolut notwendig, denn der Erfolg des späteren Films hängt ganz wesentlich davon ab: Wird der Text gesprochen, ist  die Länge ganz wichtig, denn jedes Wort muss genau zum Bild passen – und zwar zum richtigen Zeitpunkt.

Betrachten Sie die Zeit, die Sie als Auftraggeber für das Briefing Ihres Dienstleisters aufwenden, als Investition. Denn Sie sparen nicht nur Zeit und Kosten, sondern bereiten damit einen fruchtbaren Boden für beste Qualitätsarbeit – wie Sie es erwarten!

Was kann ein Auftraggeber noch tun, damit die Dienstleistung „Übersetzung“ so erbracht wird, wie er es sich wünscht?

  1. Das A und O ist ein guter Ausgangstext: Aus einem mangelhaften Text kann selbst der beste Übersetzer der Welt keinen guten Text basteln. Achten Sie deshalb auf den konsequenten Gebrauch von Fachtermini. Was in einem Abschnitt eine Kuh ist, kann im nächsten Abschnitt kein Ochse sein! Firmeninterne Abkürzungen sind zu vermeiden bzw. zu erläutern.
  2. Nennen Sie einen Ansprechpartner, der dem Übersetzer für inhaltliche Rückfragen zur Verfügung steht. Dieser sollte darüber informiert und auch erreichbar sein.
  3. Stellen Sie geeignete Hilfsunterlagen bereit: Firmenwörterbuch (falls vorhanden), Unternehmensbroschüren, Hauszeitungen, frühere (gute) Übersetzungen usw.
  4. Geben Sie dem Übersetzer ausreichend Zeit. Erteilen Sie Ihren Auftrag nicht auf den „letzten Drücker“ – Ihr Übersetzer braucht für die Arbeit die notwendige Zeit.

Zusammen mit dem oben beschriebenen Briefing leistet der Auftraggeber hiermit einen guten Beitrag im Hinblick auf die Qualität des gewünschten Zieltextes.

Sie meinen, das ist einzig und allein Aufgabe des Auftragnehmers? Aber nein!
Wenn Sie einen Anzug oder ein Kleid in einem guten Bekleidungsfachgeschäft kaufen, sagen Sie doch auch, wofür Sie das Kleidungsstück benötigen: ein Ballkleid, ein Cocktailkleid, ein Kleid für ein Vorstellungsgespräch, ein Smoking… Alles klar?

Mit dem Paket an Informationen über Zielgruppe, Zweck usw. ist der Übersetzerprofi dann gut gerüstet, um sich an die Arbeit zu machen und Ihren gut aufbereiteten Text in die Fremdsprache zu übertragen. Er weiß dann, ob Sie eine fremdsprachliche Fassung erwarten, die sehr nah am Ausgangstext ist, oder ob Sie mehr eine Adaptierung als eine Übersetzung wünschen.

Fazit: Ein guter Ausgangstext, gepaart mit einem präzisen Briefing, ist nicht nur übersetzer- und übersetzungsfreundlich, sondern schont auch Ihr Budget. Aber vor allem erhalten Sie dann von einem guten Übersetzungsprofi einen fremdsprachlichen Text, der „sich wie ein Original liest“.